Was bedeutet Existenz?

Stichwörter: Existenz – Nichtexistenz, Wirklichkeit, Emergenz, Selbstorganisation, Quantenphysik, Dualismus, Robert B. Laughlin, Berkeley, Zen-Buddhismus.

Es wird immer spannend, wenn ein anerkannter Naturwissenschaftler seine Arbeit in einem größeren Zusammenhang darstellt. In dem Buch „Abschied von der Weltformel“ hat Robert B. Laughlin, Nobelpreisträger der Physik, seine Vorstellung von Wirklichkeit wiedergegeben. Obwohl er die Frage: „Was ist Existenz?“ nicht ausdrücklich stellt, durchzieht sie doch das ganze Buch.

Als zentrales Wirkprinzip der Natur stellt Laughlin die Emergenz heraus. Emergenz bezeichnet das "Auftauchen" neuer Eigenschaften. Als Beispiel wird meistens das Wasser herangezogen: Wenn sich Wasserstoff- und Sauerstoffatome verbinden, entstehen (emergieren) Wassermoleküle, die ganz andere Eigenschaften besitzen, als ihre Vorgänger. Ein einzelnes Wassermolekül ist aber noch nicht flüssig. Auch das Phänomen des Flüssig-Seins ist als Emergenz zu verstehen. Es kommt erst durch das Zusammenwirken vieler Moleküle zustande.

Emergenz gibt es überall. Das Wesentliche daran ist, dass die neuen Eigenschaften nicht durch die vorangegangenen erklärt werden können. (Aristoteles: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Sie sind nicht reduzierbar. Es gibt absolut keine Möglichkeit, allein aus den Eigenschaften von Wasserstoff- und Sauerstoffatomen auf flüssiges Wasser zu schließen. Alle bekannten Naturgesetze der Mikrowelt versagen hier.

Wie üblich bezeichnet auch Laughlin diesen Prozess als Selbstorganisation der Natur. Selbstorganisation ist jedoch nicht ganz zutreffend, sondern nur ein Lückenbüßer. Es gibt wohl kein anderes Wort, das dieses Phänomen korrekt beschreiben könnte. Der Begriff Selbstorganisation entstammt dem menschlichen Daseinsbereich. Er setzt ein aktives Handeln und eine bewusste Entscheidung voraus. Ansonsten macht er keinen Sinn. Beispiel: Jemand organisiert ein Fußballspiel. Dazu benötigt er zwei Mannschaften. Spiel und Mannschaften sind emergent, weil sie sich erst aus dem Zusammenwirken der einzelnen Spieler ergeben. Das ist bei den Wassermolekülen und dem Wasser ähnlich. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die versammelten Personen nicht zwangsläufig spielen müssen. Jeder hat die freie Entscheidung, ob er aktiv werden will, also mitspielen will oder nicht. Organisieren schließt immer die Möglichkeit des Nicht-Organisierens ein. Diese Freiheit gibt es in der unbelebten Natur nicht. Wassermoleküle verhalten sich passiv, sie werden organisiert und müssen immer „mitspielen“, sie können nicht entscheiden, ob sie fließendes Wasser werden wollen oder nicht.

Es bleibt also die Frage: Wer organisiert die Wassermoleküle? Sie selbst können es kaum sein. Das Betriebsgeheimnis der Natur wird mit der Emergenz in keiner Weise erhellt. Sie vermag aber die Natur weit besser zu beschreiben, als die konventionellen reduzierenden Wissenschaften.

Emergenz schreitet zeitlich voran. Wo beginnt sie aber, wo ist ihr Nullpunkt? Dies führt zu einer noch grundsätzlicheren Frage: Was bedeutet Existenz? Aus der Sicht von Laughlin sind Emergenz und Selbstorganisation die eigentlichen Existenzgründer: „Der bei Weitem wichtigste Effekt der Phasenorganisation besteht darin, dass sie Objekte dazu bringt, zu existieren. Dieser Punkt erschließt sich schwer und wird leicht übersehen, weil wir gewohnt sind, uns die Herausbildung fester Substanzen als Zusammenschluss newtonscher Kugeln vorzustellen“ (S. 75). Er will damit ausdrücken, dass wir uns Existenz nicht weiterhin als etwas Statisches vorstellen dürfen, sondern als das sehen müssen, was es tatsächlich ist: ein dynamisches Geschehen.

Das ist zweifellos richtig, trifft aber noch nicht den Punkt, wo die Entscheidung fällt, ob etwas existiert oder nicht. Diese Frage führt in den Mikrobereich der Natur, in die Quantenphysik. Zum Welle-Teilchen-Dualismus äußert sich Laughlin: „..In Wahrheit gibt es keinen solchen Dualismus... Quantenmechanische Materie besteht aus Wellen von nichts....“Er gibt dann zu: “Diese Vorstellung ist ein harter Brocken,..“. Das dürfte stark untertrieben sein. Was bedeutet eine Welle von nichts? Er sagt, wir müssen uns das als eine Wellenfunktion vorstellen, fügt dann gleich die Frage hinzu, was denn da eigentlich schwingt? Er verweist dann auf das Licht, für das ebenfalls keine schwingende Substanz bekannt ist, „weshalb wir erklären, sie existiere nicht“. „Dieses Problem (die Quantenwelle) ist jedoch weit irritierender als das des Lichtes, weil Quantenwellen Materie sind ...Sie sind etwas anderes, Eigenständiges“ (S. 93/94) Am Ende sind wir also genauso klug wie zuvor. Das Problem liegt einfach darin, dass wir uns in einem Grenzbereich der Natur befinden, wo unser rationales Denken versagt, wo der Dualismus Existenz – Nichtexistenz seine Gültigkeit verliert. Im Umkehrschluss bedeutet es aber auch, dass die Natur nicht grundsätzlich rational organisiert ist, wie es seinerzeit Aristoteles angenommen hatte.

Zu der problematischen Frage einer vom Beobachter unabhängigen Messung von Quantenprozessen äußert sich Laughlin folgendermaßen: „Es gehört zu den Sagen der Quantenmechanik, dass der Vorgang der Messung als solcher die deterministische Zeitentwicklung unterbricht – eine Art anthropische Theorie der Realität, die ein wenig der berühmten Aussage des Bischofs Berkeley ähnelt, wonach ein im Wald umfallender Baum kein Geräusch verursachen soll. Das ist absurd.“ Das ist keineswegs absurd. Richtig verstanden hat Berkeley recht. Er sprach von einem Geräusch. Er hat ja nicht gesagt, dass beim Umfallen des Baumes keine Schalldruckwellen entstehen. Die Schalldruckwellen sind unabhängig vom Ohr. Ein Geräusch, einen Ton kann es aber ohne Ohr nicht geben. Der Ton existiert nur im Kopf eines beim Umfallen des Baumes anwesenden Menschen. Er existiert nur als eine Produktion des Gehirns. Ohne Ohr und Gehirn kein Geräusch. Man könnte es auch so ausdrücken: Der Baum spiegelt sich im Ohr als Ton, und er spiegelt sich im Auge als Bild. Das besagt ja noch nicht, dass es ohne Bild oder Ton keinen Baum gibt. Die Sache wird aber komplizierter, wenn man sich vor Augen führt, dass auch die Schallwellen nur eine Konstruktion des Gehirns darstellen. Schallwellen sind ebenfalls nur eine Spiegelung, in diesem Fall der mentalen Leistung des Gehirns. Was ist aber der Baum unabhängig von jeder Spiegelung? Der Philosoph würde jetzt Kants „Ding an sich“ ins Spiel bringen. Aber das „Ding an sich“ und selbst die Vorstellung von einem Nichts greifen zu kurz, weil auch sie - wie die Schallwellen - nur Konstruktionen, Spiegelungen des Gehirns sind.

Das in der Quantenphysik kontrovers diskutierte Problem, welche Rolle der Beobachter bei der Messung spielt, ob es überhaupt vom Beobachter unabhängige Messergebnisse geben kann, ist also eine über den Mikrokosmos hinausgehende grundsätzliche Seinsfrage. Sie ist auf rationaler Ebene nicht zu klären. Wer sich damit nicht zufrieden geben will, dem bleibt keine andere Wahl, als sich an einen Zenmeister zu wenden. Unter allen religiösen und philosophischen Systemen drängt der Zen-Buddhismus seit jeher am eindringlichsten auf eine Überwindung des Dualismus Existenz - Nichtexistenz. Er fordert uns auf, die Welt nicht in einem Spiegel zu sehen. Aber wie sieht die Welt aus, wenn sie nicht mehr als Spiegelbild erscheint? Die Antwort ist eine Erfahrung, die jeder für sich selbst machen muss. Der Buddhismus zeigt den Weg dorthin. Der Weg heißt Meditation.

 

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