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Vor einigen Jahren richtete ich vier Fragen an Dharma-Meister Mukyong Poep Sa. Er schickte mir freundlicherweise folgende Antworten:

Lieber Dr. Detlef Bartel,

Sie stellen 4 Fragen:

1. Frage:
Zen sagt, dass mit mir selbst auch die ganze Welt stirbt. Wenn das so ist, müsste ich diese E-Mail jemandem schreiben, der außerhalb meiner Welt gar nicht real existiert. Sie werden mir aber kaum antworten, dass Sie nicht existieren. Wer von uns beiden existiert nun wirklich? Ist Zen solipzistisch?

Antwort von Darma-Meister Mukyong Poep Sa:
Ich schlage Sie. Was dann? "Aua" -- Da ist also etwas. Zen heißt nichts festhalten. Wenn Sie Worte und Konzepte nur intellektuell verstehen möchten, dann können Sie ihre Bedeutung nicht erfahren. Und wenn Sie an der Leerheit festhalten, dann haben Sie ebenfalls ein Problem. Wieso an der Leerheit festhalten? Dann haben Sie ja wieder etwas! Lassen Sie alles los!

2. Frage:
Wenn das Ziel der Überwindung des Dualismus im Satori erreicht wird, werden das gesehene Objekt und der Sehende zu einer Einheit. Theoretisch dürfte das Objekt dann gar nicht mehr wahrgenommen werden. Ist dieser Zustand eine Art von Tiefschlaf oder Bewusstlosigkeit, oder wird er bewusst erlebt?

Antwort von Darma-Meister Mukyong Poep Sa:
Wer sind Sie? Mit dieser Frage müssen Sie arbeiten. Wenn Sie sich ganz aufrichtig diese Frage stellen, dann taucht irgendwann ein großes "Weiß nicht" auf. Bewahren Sie diesen Geist, dann erfahren Sie, was es bedeutet, dass Innen und Außen eins wird. Leben und Tod, Ich und Du, richtig und falsch - das alles sind Konstrukte unseres Denkens. Der sechste Patriarch Hui-neng sagte: "Ursprünglich ist nichts". Ich und Nicht-Ich sind beide gleichermaßen leer. Sie sind eins. Auf dieser Grundlage bin Ich mit dem Du immer schon verbunden. Innen und Außen kommen zusammen. Doch die meisten von uns leben in einem Bezugssystem, das Ich-Mein-Mir als Ausgangspunkt und ins Zentrum setzt. Das ist der große Irrtum. Zen heißt, von diesem großen Irrtum aufzuwachen und klar zu werden: Zucker ist süß. Salz ist salzig.

3. Frage:
Meister Eckhardt sagte: Gott erkennt nicht, weil er ist, sondern er ist, weil er erkennt. Für ihn scheint also das Erkennen der eigentliche Schöpfungsakt zu sein. Sieht Zen das ähnlich?

Antwort von Darma-Meister Mukyong Poep Sa:
Es ist dasselbe und bedeutet: Aufwachen und Buddha werden. Wachen Sie auf! Unser Geist macht alles: Er schafft Bedeutung und konstruiert unsere Welt. So gibt es nicht eine Welt, sondern so viele, wie es Wesen gibt auf dieser Welt. Aber ursprünglich ist alles leer. Wenn wir erkennen, dass wir alle wesenhaft dieselbe Natur haben und dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind, dann wird alles wahr. Unser Leben wird wahr: Alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen oder denken: alles ist, so wie es ist, vollständig. Unser Tun wird wahr: Wir tun, was nötig ist zu tun und übernehmen Verantwortung dafür. Wenn jemand hungrig ist, gib ihm zu essen. Wenn jemand traurig ist, tröste ihn. Wenn jemand Not hat, hilf ihm. Es bedeutet miteinander-sein und füreinander-sein.

4. Frage:
Nach moderner naturwissenschaftlicher Ansicht entstanden Raum und Zeit mit dem "Urknall" aus einem schöpferischen Nichts heraus. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, kommt man zu der Annahme, dass dieses zeitlose Nichts, da es aufgrund seiner Zeitlosigkeit kein Ende haben kann (und keinen Anfang), weiterhin bestehen muss. Dieses würde wiederum bedeuten, dass die Schöpfung nie angefangen und nie aufgehört hat. Wie ist das aus Sicht des Zen zu sehen?

Antwort von Darma-Meister Mukyong Poep Sa:
Es gibt keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft. Vergangenheit ist ein Traum. Wenn Sie Gegenwart sagen, ist sie bereits nicht mehr. Die Zukunft ist ein Gehirnphänomen. Sie müssen die wirkliche Wirklichkeit erfahren: Ich schreibe hier und Sie lesen. Das ist alles. Wenn Sie mehr möchten, dann ist das, als würden Sie einer Schlange Beine geben.

Sie sind viel zu klug. Ich meine, Sie müssen viel dümmer werden. Dann können Sie ein guter Zen-Schüler werden.

Viel Weisheit und Mitgefühl wünsche ich Ihnen.
Im Dharma
Ihr Dr. Roland Wöhrle-Chon, Ji Do Poep Sa

Berlin, September 2002

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von
Dharma-Meister Mukyong Poep Sa

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