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Das Selbst und der deutsche Idealismus.

Das Selbst, das in meinem Buch von der Praxis her beschrieben wird, findet vielfältige Parallelen in der Philosophie von der Antike bis hin zur Neuzeit. So gab vor etwa zweihundert Jahren Johann Gottlieb Fichte seinen Lesern folgenden Rat: „Merke auf dich selbst, kehre deinen Blick von allem, was dich umgibt, ab und in dein Inneres - ist die erste Forderung, welche die Philosophie an ihren Lehrling tut. Es ist von nichts, was außer dir ist, die Rede, sondern lediglich von dir selbst“. Dieser Satz erinnert stark an die im Buch gegebenen Anleitungen zum Selbst-Training. Für Fichte war Philosophie nicht nur eine Angelegenheit studierter Experten, er sah in ihr auch ein nützliches Instrument zur sinnvollen Lebensgestaltung für jeden interessierten Menschen.

Die Selbstbeobachtung spielt in der Philosophie Fichtes eine zentrale Rolle. Mit ihrer Hilfe hoffte er, zu einer grundsätzlichen Wahrheit zu gelangen. Er unterschied jedoch nicht explizit zwischen Ich und Selbst, wie es in meinem Buch der Fall ist. Für ihn war die Erfahrung wichtig, welche sich aus der Sicht nach innen ergibt. Diese Erfahrung setzte sich für ihn aus zwei Bestandteilen zusammen: dem äußeren „Ding“ und der inneren „Intelligenz“. Ersteres ähnelt dem „Ding an sich“ von Immanuel Kant. Unter Letzterem ist mehr als die bloße Intelligenz zu verstehen. Fichte meinte damit eine geistige Instanz, die noch ungestaltet ist, die über oder vor dem Ich steht. Sie dürfte unserem Selbst sehr ähnlich sein.

Er stellte sich die Frage nach der ursprünglichen, der grundsätzlichen Erfahrung. Ist es die „Intelligenz an sich“ oder das „Ding an sich“. Fichte behauptete nun, dass diese Frage weder philosophisch noch wissenschaftlich zu klären ist. Es liegt an jedem Menschen selbst, welchen Standpunkt er einnehmen will. Er entscheidet sich nicht mit Hilfe von vernünftigem Denken oder Erkenntnis, sondern nach seinem subjektiven Willen: entweder für die „Intelligenz an sich“, das heißt nach Fichte für den „Idealismus“, oder aber für das „Ding an sich“, von ihm als „Dogmatismus“ bezeichnet. In dem einen Fall wäre der „Dogmatismus“ – die reale, die materielle Welt – das ursprüngliche Prinzip, vom dem sich alles Geistige ableitet. Im anderen Fall wäre der geistige Idealismus das Grundsätzliche, das Absolute, dem alles Materielle untersteht.

Nach Fichte wird sich derjenige, der sich der materiellen Welt anpasst und sich den Gegebenheiten unterordnet, zum Dogmatismus hingezogen fühlen. „Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben“. Der nach Unabhängigkeit strebende, freiheitsliebende Mensch dagegen, der aus seinem Selbst heraus bestimmt und selbst handelnd die Umwelt mitgestaltet, wird sich für den Idealismus entscheiden. Letzteres muss die Position sein, von der aus wir unser Selbst-Training betreiben.

Wenn Fichte auch immer wieder in Auseinandersetzungen mit seinen Zeitgenossen geriet, so verband doch alle ein für diese Zeit typisches positives Menschenbild. Goethe, Schelling, Hegel, Hölderlin, Novalis und andere, sie alle hatten die Hoffnung, der Mensch könnte die Dinge zum Guten wenden, wenn er sich nur auf sich selbst – sein Selbst - besinne und die ihm von der Natur geschenkten Möglichkeiten nutzen würde. So gilt den Deutschen heute noch der damals so hoffnungsvolle, das Gute im Menschen betonende Idealismus zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts als das positive Kernstück der deutschen Kultur, an das man sich gerne erinnert und auf das man so stolz ist.

Wie es scheint, waren die Deutschen damals noch nicht bereit, das Angebot ihrer großen Denker anzunehmen. Die Menschen entschieden sich für einen anderen Weg. Nicht hin zum Selbst, sondern zum Ich. Sie wollten zuerst noch die Möglichkeiten des Ich voll ausloten. Die in Deutschland nach dem Sieg über Napoleon langsam erwachende Demokratie in Verbindung mit der allmählichen Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen für größere Teile der Bevölkerung boten dem Ich-Denken den idealen Nährboden. Das Ich entgleiste zum Ego, das seinerseits zum kollektiven Ego des Nationalismus entartete, mit all seinen bekannten katastrophalen Folgen.

Die hoffnungsvollen Ideale aus der Zeit des Idealismus verloren rasch an Bedeutung. Der nach Einheit suchenden Welt folgte der Pessimismus. Das ehemals positive Menschenbild wurde von der negativistischen Sichtweise eines Arthur Schopenhauers abgelöst, der die Welt als „Jammertal“ des Leidens beschrieb. Für ihn war das innerste Wesen des Menschen nicht mehr ein „schöpferisches Ich“, wie noch bei dem Idealisten Friedrich Wilhelm Schelling, sondern lediglich ein blinder und vernunftloser Wille. Ihm folgte Friedrich Nietzsche. Dessen kritische Philosophie sollte ebenso wie die Schopenhauers bis in unsere Zeit hinein eine weit nachhaltigere Wirkung entfalten, als die der Idealisten. Nietzsche wechselte beliebig seinen Standpunkt, behauptete heute dies und morgen dessen Gegenteil, er sah überall Gegensätze, kritisierte alles und jeden, die bestehenden Normen und Werte, die Juden genauso scharf wie deren Kritiker (somit auch sich selbst), den Humanismus, das Christentum. Keiner konnte wohl besser den verwirrten Menschen zum Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts symbolisieren, und keiner hat wohl mehr zur Verwirrung aller beigetragen als Nietzsche selbst. Er war der Wegbereiter des noch heute vorherrschenden pessimistischen Menschenbildes.

Seinen endgültigen Todesstoß erhielt der deutsche Idealismus jedoch nicht von der Philosophie, sondern von einem Arzt. An der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert meinte Sigmund Freud in dem chaotischen Grund der menschlichen Psyche, von ihm als das Es bezeichnet, die Ursache allen Übels gefunden zu haben. Nicht mehr der Weltgeist von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der danach strebt, sich selbst im Menschen zu vergegenständlichen und sich selbst in ihm zu erkennen, führt den Menschen, sondern das tierische, ungebändigte und destruktive Es. Seine Thesen waren um so wirkungsvoller, als es ihm gelang, ihnen einen naturwissenschaftlichen Anstrich von Modernität zu geben. Seine Psychoanalyse festigte die Basis des noch heute weit verbreiteten innerlich zerrissenen Menschenbildes, das mit den Idealen der weiterhin kulturell hochgeschätzten deutschen Denker damaliger Zeiten gar nichts zu tun hat.

Mit Blick auf das derzeitige philosophische und naturwissenschaftliche Establishment ergibt sich wenig Hoffnung auf eine grundsätzliche Veränderung. Wenn auch insgesamt enorme Fortschritte auf technischem Gebiet und in der Medizin gemacht wurden, so kann wohl kaum der Eindruck entstehen, dass der Mensch in seinem persönlichen Lebensgefühl zufriedener oder gar glücklicher geworden ist. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein. Den Verheißungen der Naturwissenschaftler, insbesondere den Neurowissenschaftlern, können wir nicht trauen. Wenn auch ständig auf rasante Fortschritte in diesem Forschungsgebiet verwiesen wird, das Ergebnis für die Praxis ist leider ernüchternd. So kommen zum Beispiel immer wieder neue Psychopharmaka mit besserem Nebenwirkungsprofil auf den Markt, in der Hauptwirkung sind sie ihren Vorgängern aber nicht überlegen. Auch lässt der Fortschritt in der Behandlung von Depressionen noch sehr zu wünschen übrig. Ca. 40% der Depressionen gelten nach wie vor als nicht oder nur unzureichend therapierbar. Es muss auch festgestellt werden, dass trotz intensiver Bemühungen das neurowissenschaftliche Verständnis der menschlichen Psyche insgesamt unbefriedigend geblieben ist. Es sei denn, man gibt sich mit trivialen Aussagen zufrieden, wie der eines bekannten deutschen Neurowissenschaftlers, dass im Gehirn eines jungen Mannes das Glückszentrum anspringt, wenn er einen Porsche geschenkt bekommt.

In naher Zukunft ist eine Veränderung der Gesamtsituation nicht zu erwarten. Es sei denn, wir sind bereit, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Hilfe durch Selbsthilfe bietet eine reale Chance. Erfreulicherweise ist seit einiger Zeit eine Zunahme von sehr engagierten Selbsthilfeorganisationen zu beobachten. Es bleibt zu hoffen, das sich in diesen am Leben und an der Praxis orientierten gesellschaftlichen Gruppen eine neue professionelle Kompetenz entwickelt, die in der Lage sein wird, neue Wege abseits der ausgetretenen Pfade des universitären Wissenschaftsbetriebes zu finden. „Das zeitlose Selbst“ soll in diesem Sinne einen Beitrag leisten.

Dr. Bartel
Berlin, am 7. Juli 2007

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