Wie
lässt sich das Gehirn überlisten?
Das
dürfte kaum einem Menschen spontan gelingen. Mit etwas
Übung ist es jedoch prinzipiell jedem möglich.
Wir besitzen weit mehr Macht über das Gehirn, als wir
uns normalerweise vorstellen können. Folgt man den
Neurowissenschaftlern, so wird unser Verhalten durch mechanische
Schaltkreise bestimmt. Dieses Konzept lässt keinen
Platz für einen freien menschlichen Willen. Dem widerspricht
die Alltagserfahrung. Der
Mensch hat sehr wohl die Freiheit, gegen reflexartige Reaktionen
seines Gehirns zu opponieren. Es bedarf
allerdings
einiger Anstrengungen, um sich vom Diktat der Gewohnheiten
zu befreien. Letztlich können wir aber entscheiden,
ob die Gewohnheiten uns beherrschen, oder umgekehrt wir
sie.
Um
das Gehirn zu überlisten, müssen wir seine Arbeitsweise
kennen: Wenn das Auge einen Sinnesreiz aufnimmt, wird dieser
über verschiedene Schaltstellen zur Gehirnrinde weitergeleitet
und dort zu dem inneren Bild verarbeitet, das wir schließlich
sehen. Das ist jedoch nicht alles. Der entscheidende Punkt
ist der, dass das Gehirn gleichzeitig zu dem inneren Bild
ein Ich-Gefühl herstellt. So erfahre ich nicht nur
das Bild, sondern auch mich als wahrnehmende Person. Es
wird oft übersehen, dass die Ich-Vorstellung
eine Produktion des Gehirns ist.
Das
Ich ist sozusagen eine Art Illusion.
Nur an dieser Stelle ist das Gehirn zu überlisten.
Gegen Illusionen kann man sich nämlich wehren, man
muss sie nicht akzeptieren. Hier kommen die meditativen
Übungen ins Spiel. Meditation ist im Grunde nichts
anderes als die Befreiung von Illusionen.
In
der Meditation richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen,
um den inneren Beobachter zu finden. Wer bin ich? Wer hartnäckig
an dieser Frage festhält, wird mit Sicherheit früher
oder später zu dem Schluss kommen, dass es dort gar
kein beobachtendes Ich gibt. Es bleiben nur die Gedanken
übrig. Das Ich ist wird als Illusion erkannt.
Was
hat das für praktische Folgen? Die Vorstellung, dass
Ich sei eine Illusion, ist anfänglich mit Angst verbunden.
Tatsächlich wird diese Erfahrung aber als Entlastung
und Befreiung erlebt. Alle unnötigen Sorgen und Ängste
existieren nur in Verbindung mit dieser Ich-Illusion. Denn
das Gehirn erschafft nicht nur zum inneren Bild, sondern
auch zu jedem Gedanken eine Ich. Daraus ergibt sich die
nächste Übung: Holen Sie sich bei der Meditation
einen beängstigenden Gedanken vor Augen. Suchen Sie
dann Ihr Ich. In dem Moment, wo Sie feststellen, dass da
kein Ich ist, verschwindet sofort die Angst. Wer soll da
noch Angst haben, wenn kein Ich mehr da ist? Es bleibt nur
der nackte Gedanke, der Ihnen nichts mehr anhaben kann.
Sie haben dem Gedanken seinen ängstigenden Charakter
genommen. Jetzt stehen Sie über der Angst und sind
nicht weiter ihr Opfer.