Stichwörter:
Stärkung des Selbst, Reduzierung
des Ich, der innere Therapeut.
Antwort
an einen Leser:
Danke
für Ihren interessanten Bericht. Wie ich sehe, hatten
sie zeitweilig sehr intensiv meditiert. Trotzdem ist es
ganz außergewöhnlich, dass Sie schon nach der
relativ kurzen Zeit von 2 Jahren so weit gekommen sind.
Es ist ja bekannt, dass der Prozess der meditativen Selbstfindung
ganz unterschiedliche Zeiten erfordert. Während der
eine in kürzester Zeit zum Erfolg kommt, was selten
ist, benötigt der andere viele Jahre, was eher die
Norm ist. Das hängt nicht von der Methode ab, sondern
von den inneren Voraussetzungen, welche der Übende
mitbringt. Dabei geht es in erster Linie immer um die Fähigkeit,
„loslassen“ zu können. Manch einer bringt diese Fähigkeit
schon mit, andere müssen sie erst erlernen. Sie gehören
wohl zur ersteren Gruppe.
Natürlich
ist es sehr schön, wenn man auf den Erfolg nicht lange
warten muss. Mann sollte aber wissen, dass die Erfahrung
der Selbstschau das eine ist, und die Reduzierung des Ich
und seiner Egos die andere. Optimal wäre, wenn beides
Hand in Hand ginge. Erfahrungsgemäß behaupten
sich das Ich mit seinen Egos sehr hartnäckig. Um selbst
Meister über das Ich zu werden, muss man es allmählich
in seiner Macht einschränken. Das Ich darf aber nicht
irgendwie verteufelt werden. Es soll nur durch den Einfluss
des Selbst harmonisiert werden. Ich hoffe, das in meinem
Buch deutlich gemacht zu haben.
Wenn
die Selbstschau schon zu einem Zeitpunkt kommt, wo das Ich
noch sehr stark ist, kann es Irritationen geben. Ihren Berichten
entnehme ich aber, dass Sie Ihr Ich ganz gut im Griff haben.
Ich
denke, Sie haben selbst schon gemerkt, dass alle Probleme
immer nur aus dem Ich-Bereich kommen. Wie schon erwähnt,
kann das Ich durch Aktivierung des Selbst wieder harmonisiert
werden. „Achtsamkeit“ ist nichts anderes als Aktivierung
dieses Selbst, es wirksam werden zu lassen. Das war mir
wichtig, dem Leser zu vermitteln. Jeder von uns hat einen
inneren Therapeuten in sich, das ist das, was ich als Selbst
bezeichnet habe. Dieser innere Therapeut ist immer da. Nur
wir selbst entscheiden, ob wir ihn ansprechen wollen oder
nicht. Er ist das Zuverlässigste, was wir haben. Allein
das zu wissen, kann schon Kraft geben. Indem Sie die Erfahrung
des Selbst gemacht haben, nimmt die Sicherheit sprunghaft
zu.
Sie
sind noch sehr jung. Das ganze Leben liegt vor Ihnen. Machen
Sie was daraus. Sie befinden sich auf einem guten Weg. Aber
vergessen Sie bitte nicht, dass das Leben nicht nur da ist
um zu meditieren. Die Meditationen sollen dem Leben dienen,
und nicht umgekehrt.
Mit
freundlichen Grüßen
D.
Bartel