Stichwörter:
universelles Bewusstsein,
Selbst, Buddhismus.
Frage:
"Sie benutzen die Begriffe das Göttliche, das
Selbst und universelles Bewusstsein. Sind das letztendlich
nicht Synonyme für ein und dasselbe Phänomen und
ein anderer Begriff wäre vielleicht auch aus dem Zen
die "Wolke des Nicht-Wissens"?
MfG V.
Antwort:
Sie
berühren mit dieser Frage das Problem der Sprache.
Um uns zu verständigen benutzen wir Wörter und
Begriffe, welche Eigenschaften des Seins oder der Natur
beschreiben. Dabei besteht immer die Gefahr, dass die Eigenschaften
eine Eigenständigkeit erhalten, die ihnen tatsächlich
gar nicht zukommt. Darüber hinaus werden sie vergegenständlicht
und es entsteht der Eindruck, als ob sie etwas Statisches,
etwas Seiendes wären. Vereinfacht ausgedrückt
könnte man schon sagen: Das Selbst ist unser innerstes
Bewusstsein. Besser müsste es aber heißen: Das
Selbst ist der Ort in uns, wo wir die universale Bewusstheit
erleben. Bewusstsein und Selbst sind nichts Statisches,
sondern ein Ereignis, ein dynamisches Geschehen in gegenseitiger
Abhängigkeit. Bei genauer Betrachtung sind beide Begriffe
also nicht synonym.
Mit dem Göttlichen meine ich das allumfassende Wirkprinzip
der Natur. Die universale Bewusstheit und das Selbst sind
nur Teile davon. Wenn das Göttliche personalisiert
wird, wird es zum Gott einer Religion.
Der
Zen-Begriff "Wolke des Nicht-Wissens" soll wahrscheinlich
darauf hinweisen, dass wesentliche Erfahrungen nur über
das Nicht-Wissen erreicht werden können, und bezeichnet
somit nur eine Eigenschaft des Selbst.
Um
den Schwierigkeiten der Begrifflichkeiten zu begegnen, gibt
es nur eine Möglichkeit: die Meditationspraxis. In
der Meditation kann jeder diese Vorgänge selbst beobachten.
Mit etwas Übung gelangt man zu dem inneren Punkt, der
ganz ruhig ist, unbewegt, eigenschaftslos, immer gleich
bleibend, der sich nie verändert. Der innerste Ort,
von dem alles ausgeht. Ich habe ihm den Namen das „Selbst“
gegeben. Wer diesen Punkt findet, gewinnt an innerer Sicherheit,
weil er Stabilität und Zuverlässigkeit vermittelt,
die sonst nirgendwo herrscht.
Mein
Buch endet an dieser Stelle. Hier ist eine Grenze erreicht,
hinter der jeder Versuch des Denkens oder einer sprachlichen
Beschreibung scheitern wird. Natürlich kann jeder noch
weiter gehen. Er wird dann eines Tages feststellen, dass
das "Selbst" gar keinen Ort hat. Und noch später
wird er die Erfahrung machen können, dass es da gar
kein "Selbst" gibt, dass das "Selbst"
auch nur eine mentale Konstruktion war. Dann wird er sich
schon auf dem Weg befinden, den auch die Buddhisten gehen.
Die Erkenntnis, dass es kein "Selbst" gibt, ist
aber noch nicht die "Erleuchtung". Der Buddhismus
basiert auf dem „Nicht-Selbst“ (Anatman). Gleichzeitig gibt
es im Buddhismus die „Buddha-Natur“, was dem „Selbst“ entsprechen
dürfte. Der Buddhismus geht über den Dualismus
„Selbst“ – „Nicht-Selbst“ hinaus. Ein Zen-Meister hat es
einmal so ausgedrückt: „Das ist der Punkt, wo sich
zwei fliegende Pfeile in der Luft treffen, der Ort, der
weder das eine noch das andere ist“.
Mit
freundlichen Grüßen
D.
Bartel