Die
Energie des Kindes scheint unerschöpflich zu sein. Kinder
benötigen ihren normalen Schlaf und schon sind sie wieder
fit. Woher nehmen sie diese Energie? Man könnte meinen,
sie hätten eine Energiequelle, die uns Erwachsenen nicht
mehr zugänglich ist. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich
haben wir alle die gleiche Quelle, Kinder können sie
nur besser nutzen.
Diese
innere Energiequelle geht nie verloren. Um das zu verstehen,
müssen wir uns selbst kennen lernen. Unser Ego, das sich
als der Macher aufspielt, ist nicht die allein entscheidende
Instanz. Es befindet sich in ständiger Abhängigkeit
von anderen psychischen Kräften – dem Selbst, dem Ich
und dem Mental. Das Spiel dieser inneren Kräfte können
wir mit etwas Übung selbst beobachten. Das Buch gibt
dafür eine einfache Anleitung.
Wir
werden mit unserem Selbst, dem innersten Bewusstsein, geboren.
Zu Beginn des Lebens fühlten wir uns nicht als Einzelwesen.
Das unreife Gehirn war zu dieser Zeit noch nicht in der Lage
zwischen innen und außen zu unterscheiden. So lebten
wir in Einheit mit der Mutter und unserer ganzen kleinen Welt.
Sigmund Freud sprach von dem ozeanischen Lebensgefühl
des Säuglings. Diese einmal erfahrene, danach nie wieder
erreichte Harmonie der ersten Lebenstage, Wochen und Monate
bleibt als unbewusste Erinnerung zeitlebens bestehen. Sie
ist der eigentliche Ursprung aller späteren Wünsche
nach Gemeinschaft und ebenso aller sozialen Bestrebungen des
erwachsenen Menschen. Mit Hilfe des Selbst-Trainings ist es
möglich, dieses Lebensgefühl zu reaktivieren.
Die
frühe Einheitserfahrung gerät mit der einsetzenden
Ich-Entwicklung allmählich in Vergessenheit: „So
wie sich das junge Ich in der Folgezeit allmählich entwickelt,
wird die zuvor im Selbst erlebte Welt - die gelebte Einheit
- mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Aber sie verschwindet
nie spurlos, sie wird ein Leben lang als eine uns nicht mehr
bewusste Kraft im Hintergrund wirksam bleiben und unser Verhalten
mitbestimmen. Und so ist der Lebensweg des Kindes schon vorgeschrieben:
auf der einen Seite gilt es, das Ich weiter zu entwickeln
und auf der anderen Seite wirkt diese vergessene paradiesische
Welt in dem unbewussten Wunsch fort die verlorengegangene
Einheit wiederzuerlangen. Das Spannungsfeld zwischen diesen
beiden Polen ist die Basis, auf der sich später alle
Lebensprobleme des erwachsenen Menschen abspielen werden.“
Wie schon erwähnt hat das Baby noch kein Ich. Es lebt
ausschließlich in seinem einheitlichen Selbst. Das Selbst
ist nicht unterscheidend. Es kennt keine Gegensätze,
kein Ja oder Nein, kein Gut oder Böse, kein Vorher oder
Nachher. Es ist das eigenschaftslose zeitlose Selbst, die
Basis unseres menschlichen Seins. Einheit und Zeitlosigkeit
sind somit keine bloßen gedanklichen Konstruktionen,
sondern von jedem einmal erlebte Wirklichkeiten. Den meisten
erwachsenen Menschen ist die Existenz ihres Selbst gar nicht
oder nur sehr schwach bewusst. Sie identifizieren sich mit
ihrem unbeständigen Ich, nicht mit ihrem stabilen Selbst:
„..das Selbst ist die Basis des Ich. Es gibt dem Ich Sicherheit
und den erforderlichen Halt. Es ist aber auch die eigentliche
Quelle unseres angeborenen – wie man sagt – Gottvertrauens,
eines unbefangenen Vertrauens in die Zukunft: „Es wird schon
gut gehen“, sind die Worte, mit denen wir uns Mut machen.
Diese Sicherheit kommt vom Selbst, nicht vom Ich, welches
unentschieden hin und her schwankt zwischen den vielen Möglichkeiten.“
Da wir heutzutage gewohnt sind, Sachverhalte analysierend
zu zergliedern, ist uns der Einheitsgedanke fremd geworden.
Einheit und Zeitlosigkeit existieren aber nicht nur als philosophische
Begriffe, sie sind auch als physikalische Phänomene bekannt.
Einen Monat vor seinem Tod schrieb Albert Einstein, dass er
als Physiker davon überzeugt sei „der Unterschied zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei nur eine, wenn auch
hartnäckige Illusion“. Diese auf den ersten Blick befremdlich
wirkende Bemerkung wird anhand der Relativitätstheorie
für jeden verständlich erklärt. Sie entspricht
letztlich der Sichtweise des Selbst.
Für alle interessierten Leser enthält das Buch eine
praktische und einfache Anleitung zum Selbst-Training.
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