Das
zeitlose Selbst
Einheitszustand
und Religionskritik
Stichworte:
Frühkindlicher Einheitszustand, ozeanisches Lebensgefühl,
Religionen, Metaphysik, Religionskritik, Freud, Feuerbach,
Nietzsche.
„Das
zeitlose Selbst“ beschriebt das frühkindliche Einheitserlebnis
als prägende Erfahrung für das gesamte spätere
Leben. In der Religion versucht der erwachsene Mensch diese
in Vergessenheit geratene Erfahrung wieder aufleben zu lassen.
Religionen sind demnach mehr als bloße metaphysische
Illusionen.
Sigmund
Freud war wohl einer der ersten, der die Einheitswelt des
neugeborenen Kindes beschrieb. Er nannte das erste Stadium
der Kindesentwicklung die orale Phase. Während des
Saugens ist der Säugling eins mit der Mutterbrust.
Dieses Einssein bezeichnete Freud als das „ozeanische Lebensgefühl“
des Säuglings. In der Betrachtung der Mutter-Kind-Beziehung
richtete Freud als Psychotherapeut sein Augenmerk aber mehr
auf das Konfliktpotenzial dieser Situation, als auf das
„ozeanische Lebensgefühl“ selbst, so dass
letzteres immer nur eine marginale Rolle behielt. Freud
erkannte jedoch die Bedeutung der frühkindlichen Erfahrungen
in Bezug auf spätere seelische Erkrankungen. Nach ihm
hatten sich Melanie Klein und René A. Spitz eingehend
mit der Entwicklung des Kleinkindes beschäftigt. Ihre
Forschungsergebnisse belegen, dass Babys trotz der noch
gering entwickelten Hirnrinde sehr wohl in der Lage sind,
in dieser Lebensphase durchgemachte Erfahrungen abzuspeichern
und für das ganze spätere Leben zu bewahren. Obwohl
sich auch diese Forschungsarbeiten vorwiegend mit für
die Kindheitsentwicklung schädlichen Einflüssen
befassten, muss davon ausgegangen werden, dass sich dem
Kind positive Erfahrungen des Glücks, der Harmonie,
das „ozeanische Lebensgefühl“, gleichermaßen
einprägen konnten und im Hintergrund unbewusst für
das ganze Leben wirksam bleiben.
Wie
schon erwähnt hatte Freud das harmonisierende, das
Gegensätze ausgleichende Element des von ihm als „ozeanisches
Lebensgefühl“ bezeichneten frühen Einheitszustandes
nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Er sah nur die Bedrohung
der Symbiose durch das erwachende Ich des Kleinkindes und
den daraus resultierenden ambivalenten Konflikt zwischen
Liebesbedürfnis und der Angst vor Liebesverlust. Dieser
innere Kampf, der von grundlegender Bedeutung für Freuds
Psychoanalyse ist, konnte aber vom Kind nur ausgehalten
werden, weil ihm die Erfahrung des frühen Einheitszustandes
den dazu notwendigen Rückhalt, die erforderliche Stabilität
und Sicherheit verlieh. Andernfalls hätte die Spannung
der rivalisierenden Bedürfnisse das Kind innerlich
zerrissen. Das, was dem Kind vom ersten Tag seiner Geburt
an hilft, ist weder eine illusionäre Vaterfigur, noch
eine Mutter oder ein phantasierter Gott, sondern eine tatsächlich
erlebte für den inneren Zusammenhalt sorgende Kraft.
Diese Kraft ist dem Kind natürlich nicht bewusst. Erst
mit der Reifung seines Gehirns bekommt es allmählich
Ahnungen davon, die sich
später
unter bestimmten Bedingungen seiner Sozialisation zur Religion
auswachsen können.
Freud
hatte den Menschen und seine Umwelt immer nur von der Defizitseite
her betrachtet. Seine ganze
Aufmerksamkeit galt den spaltenden Kräften.
Die einende Kraft, die alles zusammenhält, wurde von
ihm vernachlässigt. Freud war stark vom Negativismus
des 19. Jahrhunderts beeinflusst, der bei Arthur Schopenhauer
begann und von Friedrich Nietzsche auf die Spitze getrieben
wurde. Wie Schopenhauer
war auch Freud
durch das Negative derart hypnotisiert, dass er das Positive,
welches die Selbstvernichtung des Negativen verhindert,
aus den Augen verlor. Das Schlechte kann nur zusammen mit
dem Guten gedacht werden. Der religiöse Mensch gibt
ihnen andere Namen: Gott und Teufel. Sie müssen ebenso
wie das Gute und das Böse als metaphysische
Begriffe angesehen werden.
Trotzdem sind es die beiden Kategorien, nach denen wir alle
unser Alltagsleben ausrichten.
Um
auf Freud zurückzukommen, für ihn war unser Verhalten
in erster Linie ein Kampf gegen die äußeren und
inneren Widrigkeiten der Natur. Nach Freud flieht der Mensch
hauptsächlich wegen des Bedürfnisses nach Liebe
und aus Angst vor Liebesverlust in eine illusionäre
Wunschwelt, die als Gegengewicht zur rauen Wirklichkeit
Entlastung bringen soll. So phantasiert er sich - laut Freud
- neben der idealen Übermutter auch den unfehlbaren
Übervater: „Die Psychoanalyse hat uns den intimen
Zusammenhang zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit
kennen gelehrt, hat uns gezeigt, dass der persönliche
Gott psychologisch nichts anderes ist als erhöhter
Vater...“. So wird das Gottesbild in das Prokrustesbett
der psychoanalytischen Theorie gepresst. Aus Freuds Sicht
sind Religiosität und der Glaube an Gott „nicht
Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens“,
sondern „Illusionen...“. Genau dieser Aussage Freuds
ist zu widersprechen. Wie schon gesagt wurde, ist der Gottesgedanke
sehr wohl Niederschlag einer früheren Erfahrung. Er
ist die unbewusste Erinnerung an einen Zustand von Harmonie
und Einheit, sowie an eine Kraft, die dem Kind geholfen
hatte, die mit dem Einsetzen seiner Ich-Entwicklung entstandenen
inneren Spannungen zu überstehen.
Ähnlich
wie Sigmund Freud hielt knapp 100 Jahre vor seiner Zeit
auch Ludwig Feuerbach Gott für eine Illusion des Menschen,
für eine „Schöpfung des subjektiven Menschengeistes“.
Für Feuerbach war das, was der Mensch in Gott sieht,
nichts anderes, als eine Projektion seines eigenen Wesens:
“Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst
des Menschen, die Religion ist die feierliche Enthüllung
der verborgenen Schätze des Menschen, das Eingeständnis
seiner innersten Gedanken..“, sein „bewusstloses
Selbstbewusstsein“. Feuerbach hat mit seiner im Grunde
genommen humanistischen und lebensbejahenden Philosophie
großen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen
und deren Einstellung zur Religion genommen. Er gilt als
der Begründer des atheistischen Materialismus, dem
auch ein Karl Marx folgte. Es lohnt sich also, diese Sätze
genauer anzuschauen. Dann fällt sofort ein Widerspruch
auf: Wenn Gott das offenbare Innere, das ausgesprochene
Selbst des Menschen ist, dann kann er weder eine Illusion
noch eine Schöpfung des Menschengeistes sein.
Das Innere, das Selbst des Menschen, seine
verborgenen Schätze, bleiben existierende
Anteile des wirklichen Menschen. Sie sind so ziemlich das
Einzige, dessen sich der Mensch überhaupt sicher sein
kann. Dadurch, dass sie offenbart, ausgesprochen
oder enthüllt werden, verändert sich
nur die Art ihrer Erkennbarkeit, aber keineswegs ihre eigentliche
Substanz. Feuerbachs Darstellung suggeriert eine Projektion
des inneren menschlichen Selbst nach außen. Geist,
Seele, Psyche, Selbst und Bewusstsein sind aber nichtstofflicher
Natur und können nur außerhalb von Raum und Zeit
gedacht werden, also auch nicht einem Innen oder Außen
zugeordnet werden. Wenn Feuerbach das innere Selbst räumlicht,
das jedoch raumlos ist, so ist das methodisch nicht zulässig.
Selbst
wenn man darauf einginge, würde sich der religiöse
Mensch zwar irren, indem er Gott für etwas von sich
Getrenntes hielte. Gott wäre aber keine bloße
Phantasie, kein Scheinbild, sondern eben nur ein nach außen
gestellter Schatz des Menschen selbst.