Wie
entsteht Metaphysik?
Metaphysik ist nicht nur eine Angelegenheit vergangener
Zeiten. Es scheint eine naturgesetzliche Notwendigkeit zu
sein, dass jeder gesunde Mensch im Laufe des Lebens seine
eigene Metaphysik entwickelt. Sie ist eine Folge der Ich-Entstehung
in der frühen Kindheit.
Das
Baby wird in die Einheit mit der Mutter hineingeboren. Sigmund
Freud sprach vom „ozeanischen Lebensgefühl“ des Säuglings.
Mit der einsetzenden Ich-Entwicklung kommt es zu
einer Aufspaltung in das Ich und das Andere.
Die Einheit geht verloren und mit zunehmendem Alter verblasst
auch ihre Erinnerung, bis sie schließlich in Vergessenheit
gerät. Das Andere wird zur Keimzelle der Metaphysik
des erwachsenen Menschen. Sie kann sich zu einer Religion
entfalten, zu einer politischen Ideologie, aber auch zu
einer überwertigen philosophischen oder naturwissenschaftlichen
Idee.
Das
Ich muss wachsen, muss lernen sich zu behaupten.
Auch gegen den Rest der ehemaligen Einheitswelt,
der sich aus Sicht des Ich mehr und mehr zum Anderen
entwickelt. Daraus resultieren Schuldgefühle. Der kleine
Mensch empfindet sich als Störenfried. Seine eigene
Schlechtigkeit kann er nicht ertragen, deswegen wird er
sie später in das Andere projizieren. So entsteht
das Böse in der Welt, dem die Zerstörung
des Guten – des Paradieses – angelastet wird. Es
ist der Sündenfall, dem keiner von uns entgehen kann.
In der Bibel isst Eva von der verbotenen Frucht und tritt
somit aus der Einheit heraus. Sie wird in diesem Moment
zum selbst entscheidenden und handelnden Subjekt, zum Ich.
So gesehen beschreibt diese Metapher den psychologischen
Prozess eines frühen Lebensabschnittes des Menschen.
Soweit vorweg in aller Kürze.
Was
ist Metaphysik im engeren Sinne? Dazu sagt Rüdiger
Safranski: „Metaphysik gibt es, weil die >Physik<
des Lebens Schmerz, Angst und Tod bereithält. Metaphysik
erklärt die Wirklichkeit, an der man leidet, zur >Oberfläche<,
zur Erscheinung, und bietet einen Blick in die Tiefe an,
ins >Wesen< der Wirklichkeit, wo sie eine Ordnung
entdeckt, mit der sich das Denken vereinigt. Metaphysik
findet in einer fremden, bedrängenden Welt Geborgenheit,
indem sie sich einer >eigentlichen< Welt vergewissert.
Metaphysik will die quälende, verwirrende Unverständlichkeit
verstehbar machen, indem sie das Denken auffordert, einen
Schritt weiter zu gehen, als die menschlichen Sinne von
sich aus wollen. Die Metaphysik lehrt die verängstigten
Menschen , ihren Augen und Ohren, die wenig Erfreuliches
vermelden, nicht zu trauen. Sie gibt ihnen dafür ein
>geistiges Auge< und ein >geistiges Ohr<. Mit
ihnen soll man eine Welt entdecken, in der man Heimatrecht
besitzt. Metaphysik ist Protest gegen die monströse
Gleichgültigkeit leerer Räume und wirbelnder Materie.
Metaphysik glaubt an die Lesbarkeit der Welt , an eine Geheimschrift,
deren Sinn sich entziffern lässt.“ Dieser Auszug
aus Safranski’s Buch „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“
gibt wohl die heutzutage allgemein gültige Einstellung
zur Metaphysik wieder, wie immer bündig, treffend und
verständlich von Safranski formuliert.
Ohne
dieser philosophischen Sichtweise widersprechen zu wollen,
möchte ich sie durch den oben schon angedeuteten praktischen
Erklärungsansatz ergänzen und einige grundsätzliche
Bemerkungen zur Philosophie unter Bezugannahme auf Das
zeitlose Selbst hinzufügen.
Wie
mir wiederholt von Lesern meines Buches mitgeteilt wurde,
ist bei vielen der Eindruck entstanden, dass es sich bei
der Darstellung des Selbst um Metaphysik handelt,
was aber nicht beabsichtigt ist. Dieser Eindruck wahr wohl
nicht zu vermeiden, weil unser Denken und unsere Sprache
alles immer nur zergliedernd erfassen können. Es werden
so Dinge oder Sachverhalte künstlich auseinander gerissen,
die tatsächlich unteilbar sind. Dieses Problem hat
jeder Denker, der Philosoph genauso wie der Naturwissenschaftler.
Nicht nur wer etwas erforschen will, muss es zerteilen.
Auch wer etwas erzählt, kann nie das Ganze, sondern
immer nur mit vielen Worten seine Details darstellen. Zu
diesem Zweck müssen häufig Hilfskonstruktionen
herhalten, die dann als eigenständige Dinglichkeiten
missverstanden werden. Das Selbst ist so eine Hilfskonstruktion,
genauso wie der Begriff Bewusstsein. Beide sind
aber Teile unserer Wirklichkeit, die definitionsgemäß
das Gegenteil von Metaphysik ist. Aus dem Ganzen herausgerissen
werden sie aber zu gedachten Einzelelementen, die dann ihrerseits
Veranlassung zu metaphysischen Umdeutungen liefern.
Wie
die Naturwissenschaftler denken auch die meisten Philosophen
analysierend und reduzierend. Das hat eine lange Tradition.
Schon Thales von Milet, der als Begründer von Philosophie
und Wissenschaften gilt, sah sich veranlasst, alles auf
Wasser zu reduzieren. Etwa zweihundert Jahre später
stellte dann Aristoteles fest, dass mit der reduzierenden
Methode keine umfassenden Wahrheiten zu erzielen sind: Das
Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Dieser
Satz besagt, dass mit reduzierenden, rückwärts
gerichteten Schritten niemals der Sinn des Ganzen zu erfassen
ist. Die letzte Wahrheit ist so nicht zu finden. Philosophen
nach ihm haben sich allerdings nicht davon abhalten lassen,
genau mit dieser Denkmethode auf Wahrheitssuche zu gehen.
Sie hielten sich an Sokrates, der dem Wissen und der Vernunft
das unbegrenzte Vertrauen schenkte, das sie noch heute genießen.
Aristoteles ermunterte uns zusätzlich, indem er behauptete,
dass die Logik des Seins und des Denkens sich entsprechen.
Die Natur sei rational organisiert und deshalb mit Hilfe
des rationalen Denkens für den Menschen erkennbar.
Wie wir heute wissen, hatte er sich in diesem Punkt geirrt.
Die Natur ist an ihrer Basis – im Bereich der Quantenphysik
– keineswegs rational geordnet und somit auch nicht rational
erkennbar. Erst im Makrobereich entsteht auf geheimnisvolle
Weise eine Ordnung, welche die empirischen Wissenschaften
immerhin in die Lage versetzte, zu enormen Erfolgen zu gelangen.
Wo
liegt das Problem beim rationalen Denken? Wie schon zuvor
gesagt, es ist analysierend und primär rückwärts
gerichtet. Wir können zwar auch auf ein vorwärts
gerichtetes Ziel hin denken, aber nur wenn wir schon einmal
dort waren: Die Untersuchung des Wassers ergibt die Wassermoleküle.
Das Molekühl führt weiter zu den Wasserstoff-
und Sauerstoffatomen. In den Atomen finden wir Kerne und
Elektronen, in den Kernen Protonen und Neutronen. Es wäre
aber unmöglich, von dem Wasserstoffproton und seinem
Elektron zu dem Wasserstoffatom zu kommen, wenn wir es vorher
nicht schon gekannt hätten. Ebenso wenig könnte
allein von der Kenntnis des Wassermoleküls auf die
Flüssigkeit von Wasser geschlossen werden. Beide haben
für unsere Sinnesorgane ganz unterschiedliche Eigenschaften
und Erscheinungsformen. Wenn wir nun alle Details über
Wasser wissen, so sind wir doch in der bedauerlichen Situation,
nicht zu verstehen, wieso alles zusammen letztlich Wasser
ergibt.
Das
rationale Denken hilft zum Erkennen immer nur in eine Richtung
und suggeriert uns dann, alles zu wissen, obwohl wir das
Wesentliche gar nicht kennen. Das gilt auch für unseren
normalen Alltag. Als Beispiel sei das Skifahren genannt.
Wir sehen Herrn Maier den Hang auf Skiern herunter wedeln.
Wir können das Skifahren jetzt analysieren, indem wir
es in die einzelnen Komponenten zerlegen. Da ist als erstes
Herr Maier, zweitens der Berghang und drittens die Schwerkraft
der Erde. Alle drei ergeben zusammen das Skifahren. Herr
Maier passt lediglich auf, dass er nicht auf die Nase fällt.
Den Rest „machen“ der Hang und die Schwerkraft.
Wenn eine der drei Komponenten fehlte, gäbe es kein
Skifahren: ohne Hang oder Schwerkraft würde Herr Maier
nicht auf den Skiern fahren, sondern stehen. Ohne Herrn
Maier geht es natürlich auch nicht. Es ist somit unmöglich
das Skifahren zu reduzieren, ohne es ganz verschwinden zu
lassen. Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Einzelteile.
Wie mit dem Skifahrer so verhält es sich auch mit dem
Selbst. Die Ausführungen in meinem Buch könnten
als Reduzierungsversuch des Menschen auf seine innerste
Instanz - das Selbst - missverstanden werden. In
diesem Falle – wenn das Bewusstsein als eigenständige
Instanz aufgefasst wird - würde es sich um Metaphysik
handeln und in die falsche Richtung führen. Wie bei
dem Skifahren würde eine derartige Reduzierung die
Existenz des Menschen ganz verschwinden lassen. Ein amerikanischer
Zen-Meister bemerkte: Das Organ der Beobachtung, das
beobachtete Objekt und das Bewusstsein erschaffen in gegenseitiger
Abhängigkeit das, was wir als Existenz bezeichnen.
In dieser Beschreibung würde das Selbst dem
Bewusstsein entsprechen. Hier kommt der gleiche
Effekt wie beim Skifahrer ins Spiel: Wenn eines von den
dreien wegfällt, geht die Existenz verloren, das heißt
auch der Mensch. Das Selbst muss eben als gedachte
Hilfskonstruktion gesehen werden. Das gleiche gilt für
das Ich. Bei ihm kommt allerdings noch hinzu, dass
es als unwiderstehliche Illusion eine normalerweise weit
stärkere Wirkung für unsere gesamte Lebensgestaltung
hat als das im Hintergrund bleibende Selbst.
Ob
wahr oder nicht wahr, Metaphysik hat ihre Vorteile - Safranski
hat es in obiger Beschreibung deutlich gemacht - aber auch
ihre Nachteile. Nicht nur dass sie von Teufeln und anderen
unfreundlichen Gesellen bevölkert wird, dass sie eine
Frage des Glaubens ist, dass die rationale Vernunft rebelliert,
sondern auch weil sie rein formal nicht dem menschlichen
Erleben entspricht. Die Metaphysik fügt der Wirklichkeit
eine zweite gedachte hinzu. Das führt zu einer unbewussten
Irritation. Direkt, das heißt im Augenblick, kann
die Welt ja immer nur als ein ganzes bildähnliches
Ereignis erlebt werden. Es wird meistens vergessen, dass
dieses Bild vom Bewusstsein in Zusammenarbeit mit
dem Gehirn hergestellt wird, und als solches keinen räumlichen
Charakter besitzt. Es kann da also gar keine Tiefe
oder Oberfläche geben, auch kein Ding
an sich, dass sich irgendwo hinter oder über
der wahrgenommenen Welt verbirgt. Das alles muss vom Mental
erfunden werden und hat nur als eine seiner vielen Konstruktionen
eine Berechtigung.
Es
gibt nur eine Wirklichkeit, die allerdings von jedem anders
erlebt wird. Diese Wirklichkeit ist am Tage unserer Geburt
nicht verschieden von der unserer späteren Tage. Als
Baby brauchten wir keine Metaphysik, wieso dann im erwachsenen
Alter? Wie eingangs schon erwähnt lebten wir damals
in der Geborgenheit des Einheitsgefühles. Diese Geborgenheit
ist dem Ich im Laufe seiner Entwicklung verloren
gegangen, aber nicht dem ganzen Menschen. Sie lebt im Hintergrund
als sein Selbst fort. Das rational gesteuerte Ich
kann allein aus sich heraus keine Sicherheit aufbauen. Es
bleibt aber eine dumpfe Erinnerung, die vom Selbst
aufrecht erhalten wird, und mit ihr ein kaum bewusstes Bedürfnis,
Einheit wieder herzustellen. Diese Erinnerung hat für
sich genommen nichts mit Metaphysik zu tun. Sie ist nicht
mehr und nicht weniger als eine Erinnerung. Sie kann jedoch
zum Punkt werden, auf dem Metaphysik aufsetzt. Metaphysik
ist ein Instrument, das vom Ich als Hilfsmittel
eingesetzt wird. In dem Maße wie es gelingt, das Ich
in seiner Macht zu verringern, wird auch Metaphysik an Bedeutung
verlieren.
Aus
meiner Sicht ist Metaphysik nicht mehr als eine Hilfskonstruktion,
ähnlich dem Ich oder dem Selbst.
Für mich existiert nur ein Universum, eine Wirklichkeit.
Sonst nichts. Diese Wirklichkeit endet an der Grenze meines
Wissens. Was hinter der Grenze meines Wissens liegt – wohlgemerkt
hinter der Grenze meines Wissens und nicht der Wirklichkeit,
die keinen Raumcharakter hat – bleibt für mich ein
Geheimnis. Meine Unwissenheit kann aber kein Grund sein,
eine tiefere oder höhere Ebene anzunehmen. Nochmals
zurück zum Wasser. Wenn man die verschiedenen Stufen
betrachtet: das Wasser, seine Moleküle, die Atome,
Protonen und Elektronen, zuletzt das, was nach
der Quantenphysik kommt, was wir noch nicht verstehen. Es
ist und bleibt doch immer ein und die gleiche Wirklichkeit.
Was sich unterscheidet, ist nur unserer Kenntnisstand. Was
wir nicht wissen, bleibt Geheimnis. Wir wissen aber, dass
es Rätsel gibt, die mit rationalem Denken prinzipiell
nicht zu lösen sind. Die Hoffnungen des wissenschafts-euphorischen
neunzehnten Jahrhunderts, alle Probleme der Menschheit rational
erklären zu können, sind mit der Entdeckung der
Quantenphysik zerstoben. Ganz unten an der Basis der Natur
herrscht kein rationales Gesetz, sondern das Chaos. An diesem
Punkt treffen sich Philosophen und Naturwissenschaftler
auf Augenhöhe wieder.
Beide verbindet das wissen Wollen. Darin unterscheiden sie
sich vom religiösen Menschen, dem sein Glaube genügt.
Alle zusammen stehen vor dem gleichen Rätsel, dem Wunder
Natur: was ist ihr Betriebsgeheimnis? Wie schafft sie es,
aus dem sinnlosen Chaos zu unserer geordneten und sinnhaften
Welt zu gelangen?