Keine
Angst vor dem Nichts
Im
Gegensatz zu den alten Indern, die das Nichts als etwas
Positives, als den schöpferischen Urquell allen Seins
erlebten, wurde Europa über viele Jahrhunderte hinweg
von der Angst vor dem Nichts beherrscht. Diese Angst geht
auf Aristoteles zurück, nach dessen Ansicht die Natur
leere Räume fürchtet. Demnach saugt die Leere
Gas oder Flüssigkeiten an. Dieser Irrtum wurde erst
zweitausend Jahre später (1644) von Blaise Pascal korrigiert,
der nachwies, dass nicht das Vakuum, sondern der Luftdruck
die Flüssigkeitssäule bewegt.
Die
Angst vor dem Nichts, der „Horro vacui“, hatte das europäische
Denken nachhaltig bis in die Neuzeit hinein beeinflusst.
Bei vielen namhaften Philosophen spielte sie eine wesentliche
Rolle. Bei Arthur Schopenhauer, der selbst ein Leben lang
unter Ängsten und Zwängen litt, wurde sie zum
schrecklichen bösen „Willen“, der allem Sein zugrunde
liegt. Bei Sigmund Freud, der ebenfalls immer mit Ängsten
zu kämpfen hatte, wurde daraus das unberechenbare destruktive
„Es“ mit seinem Todestrieb. Selbst im Frühwerk Martin
Heideggers, des wohl avanciertesten Philosophen des Abendlandes,
kommt die Angst vor dem Nichts immer wieder zur Sprache.
Dies
alles aufgrund eines zweitausend Jahre alten Irrtums von
Aristoteles. Tatsächlich ist das Nichts vollkommen
eigenschaftslos, weder gut noch böse. Das kann jeder
mit ein wenig Meditationspraxis an sich selber erfahren.
Es gibt absolut keinen Grund, sich vor dem Nichts zu fürchten.
Trotzdem spukt diese Angst immer noch im Hinterkopf vieler
Menschen umher. Angstpatienten berichten häufig von
dem Gefühl während einer Panikattacke ins Bodenlose,
ins Nichts zu fallen. Wenn auch der Verstand dagegen hält,
dass dies ja unmöglich ist, die Angst ist größer.
Die
Angst vor dem Nichts dürfte auch ein Grund dafür
sein, dass einige Menschen gegenüber meditativen Methoden
unbewusste Vorbehalte hegen. Einer Beschäftigung mit
der Stille, mit dem Nichts, begegnen sie mit Misstrauen.
Sind diese Widerstände erst einmal überwunden,
werden sie rasch feststellen, dass die im Selbst erfahrene
Stille, das eigenschaftslose Nichts, in keiner Weise beängstigt,
sondern im Gegenteil Ruhe und Sicherheit gibt. Ohne uns
dessen bewusst zu sein, erleben wir ja dieses Nichts jede
Nacht im Tiefschlaf, was in keiner Weise beunruhigt. Je
tiefer der Schlaf, desto besser fühlen wir uns am nächsten
Morgen. Die Angst vor dem Nichts ist eben nur Illusion.
Allein diese Erfahrung kann manchmal das ganze Leben verändern.