Was
ist Erleuchtung?
Das Diamant-Sutra sagt: Alle Erscheinungen sind vorrübergehend.
Wenn du Erscheinen als Nicht-Erscheinen erkennst, dann siehst
du alles so, wie es wirklich ist. Diese Erfahrung wird als
Erleuchtung bezeichnet.
Dazu eine kleine Geschichte aus dem alten China: Der spätere
sechste Patriarch Hui-neng hörte zufällig, wie
sich zwei Mönche über eine Fahne stritten. Sie
führten einen philosophischen Disput über die
Frage, ob es der Wind sei oder die Fahne, was sich da bewegt.
Hui-neng sagte zu ihnen: „Es ist weder der Wind noch die
Fahne; es ist euer Geist, der sich bewegt!“
Zen-Meister Seung
Sahn gab dazu folgenden Kommentar: „Wenn sich
dein Geist bewegt, dann entsteht Aktion. Aber wenn sich
dein Geist nicht bewegt, dann ist die Wahrheit gerade so,
wie alles ist....Wenn sich dein Geist bewegt, kannst du
die Wahrheit nicht verstehen. Du musst erst verstehen dass
Form Leerheit ist, Leerheit ist Form. Als nächstes,
keine Form, keine Leerheit. Dann sind alle Aktionen die
Wahrheit. Und dann wirst du dein wahres zu Hause finden“
Nicht
so recht verstanden? Dann schau dir diese beiden Bilder
an. Es handelt sich um den gleichen Baum. Einmal zur Sommerzeit
im grünen Blätterkleid, dann unbelaubt im Winter.
Von
Jahr zu Jahr geschieht dieser Wechsel.
Der kahle wird der grüne Baum, dann wird kahl wieder
zu grün und so weiter.
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Baum
alt |
Baum
neu |
Baum
alt |
Baum
neu |
Diesem
Muster folgt alles in unserer Welt. Dazu sagt das Diamant-Sutra:
„Alle Erscheinungen sind vorrübergehend“. Das Erscheinungsbild
verändert sich fortwährend. Der Baum bleibt der
gleiche.
Wenn du neu und alt denkst, dann sind es unvereinbare Gegensätze.
In der Realität gibt es aber keine objektfreien Eigenschaften.
Es muss etwas da sein, was du als neu oder alt bezeichnest.
Das Auto kann alt oder neu sein, bleibt aber immer das gleiche.
Das gilt auch für den Baum. Der neue Baum ist auch
der alte Baum, und umgekehrt. Je nachdem, von welcher Warte
ich ihn sehe.
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alt
neu |
neu
alt |
alt
neu |
neu
alt |
Du
entscheidest nur mit deinem Geist, ob neu oder alt gelten
soll. Die Realität kümmert sich aber nicht um
dein Denken. In der Natur gilt:
Wenn es keinen Unterschied zwischen dem alten und neuen
Baum gibt, dann ist der unbelaubte auch der belaubte Baum,
also:
| Grüner
Baum |
= |
kahler
Baum |
Eigentlich
sieht der ganz Baum so aus:
Das
bedeutet, der Baum ist nichts Statisches. Er ist viel mehr
ein sich ständig verändernder Prozess, ein Kontinuum.
Jetzt
kommen wir zu der für uns westliche Menschen so schwer
verständlichen Bemerkung von Seung Sahn: „Form ist
Leerheit, Leerheit ist Form“. Dieser Satz aus dem Herz-Sutra
besitzt eine Schlüsselfunktion. Der Weg zur Erleuchtung
führt durch diese Tür. Daran kommt keiner vorbei.
Deswegen sagte Seung Sahn: „Du musst erst verstehen dass
Form Leerheit ist, Leerheit ist Form“
Der
Begriff Leerheit hat für uns westlichen Menschen einen
unangehmen Beigeschmack. Hier im Abendland galt Leerheit
immer als etwas Beängstigendes: Horror Vacui, die Angst
vor dem Nichts. Ganz anders im fernen Asien. Der in Paris
lebende Zen-Meister Thich Nat Hahn drück das so aus:
„Wenn wir im Westen einen Kreis zeichnen, so symbolisiert
es für uns eine Null, das Nichts. In Indien hingegen
symbolisiert ein Kreis Ganzheit, Totalität – also das
Gegenteil.“ Es gibt also nicht den geringsten Grund, sich
vor der Leerheit zu fürchten.
Zurück zu unserem Baum. Wir hatten als letztes festgestellt:
Grüner Baum = kahler Baum. Für grün gilt
das Gleiche, was ich zum Begriffspaar neu-alt sagte. Im
Kopf sind grün und rot zwei unvereinbare Gegensätze.
In der Natur gibt es keine Farbe ohne ein Objekt. Und grün
kann alleine ohne die anderen Farben nicht existieren. In
einer Realität, in der alles grüne ist, gäbe
es keine Farbigkeit, d.h. keine Farben. Wenn ich grün
denke, muss ich immer auch nicht-grün denken. Es gibt
keine rote Tomate, die nicht zuvor grün war. Unserer
grüner Baum war zuvor nicht-grün.
Das bedeutet: rote Tomate = nicht-rote Tomate und grüner
Baum = nicht-grüner Baum.
Wenn du jetzt den grünen Baum als die Form nimmst,
und den nicht-grünen Baum als die Leerheit, dann bekommst
du eine Ahnung, was es heißt: „Form ist Leerheit,
Leerheit ist Form.“
grüner
Baum |
= |
nicht-grüner
Baum |
Form
|
= |
Leerheit
(Nicht-Form) |
Leerheit bedeutet ja nicht, dass da nichts ist. Leerheit
besagt nur, dass nichts über ein eigenständiges
Selbst verfügt, dass völlig unabhängig von
allem anderen ist.
Jede Eiche war einmal eine Eichel. Die Eichel kann aber
nicht aus sich allein heraus zur Eiche werden. Wenn wir
eine Liste erstellten, mit allen Zutaten, die erforderlich
sind, damit aus der kleinen Eichel ein großer Baum
wird, dann wäre diese Liste ganz schön lang. Da
wäre zunächst der Boden mit seinen Mineralien
und Mikroorganismen, dann Wasser, Regen, Luft, Wolken, Sonne,
Licht und Wärme. Sie alle werden Teil des Baumes. Luft
benötigt unsere Atmosphäre, die wiederum von der
Erde und ihrer Position im Sonnensystem abhängig ist
und so weiter und sofort. Das ist das Prinzip der vollständigen
Durchdringung und gegenseitigen Abhängigkeiten aller
Dinge. Unsere endlose Liste der Zutaten ist mit andern Worten
die Nicht-Eiche. Jeder Baum ist auch alles das, was er nicht
ist. Was nicht ist, kann aber weder erscheinen noch nicht
erscheinen. Es ist auf diese oder jene Art schon immer da.
Wir sprachen zuvor über neu und alt und waren zu dem
Ergebnis gekommen: Alter Baum = neuer Baum. Oder anders
ausgedrückt:
alter
Baum |
= |
nicht-alter
Baum |
neuer
Baum Form |
=
|
nicht-neuer
Baum
Leerheit (Nicht-Form) |
Dazu sagte ich: Du entscheidest nur mit deinem Geist, ob
neu oder alt gelten soll. Das heißt aber auch, dass
du im Kopf entscheidest, ob du die Form oder die Leerheit
sehen willst. Unbewusst macht das jeder von uns tagtäglich.
Nur weil wir es nicht bemerken, sind wir nicht erleuchtet.
Deswegen sagte Buddha: ursprünglich sind alle Menschen
schon erleuchtet.
Um
alt oder neu sagen zu können, müssen wir den Baum
betrachten. Aus der Sicht des Baumes ist das unmöglich.
Er kann immer nur das sein, was er ist. Es ist ihm nicht
möglich in der Zeit hin- und zurückzudenken. Er
kann sich nicht zum Objekt machen, was nötig wäre,
um über sich nachzudenken. Das können auch Tiere
nicht, nur wir Menschen. Wir machen alles zum Objekt, auch
uns selbst.
Das
Denken braucht Zeit. Im sehr kurzen Augenblick ist Denken
unmöglich, weil der Augenblick keine Zeit hat. Er kann
nur erlebt werden. Ohne Denken gibt es aber keine Gegensätze,
kein neu und kein alt, kein grün und kein nicht-grün.
Aber auch kein Bewegtes und Nicht-Bewegtes. Deswegen sagte
Hui-neng: „Es ist weder der Wind noch die Fahne; es ist
euer Geist, der sich bewegt!“ „Der Geist bewegt sich“ ist
eine Metapher für das Denken. Bevor wir eine Veränderung
wahrnehmen, muss unser mentaler Geist die verschiedenen
Richtungen der Fahne vergleichen. Vergleichen ist sich "bewegen".
Nur dann kann für uns eine Bewegung entstehen.
Letztlich
ist alles, was gesagt wird, immer nur Metapher. Es kann
aber helfen , den Geist zu öffnen. Ein intellektuelles
Verständnis ist jedoch nicht auseichend. Wer das wirklich
verstehen will, muss zum Baum werden. Wie geht das? Seung
Sahn zeigt den Weg: „Als nächstes, keine Form, keine
Leerheit. Dann sind alle Aktionen die Wahrheit. Und dann
wirst du dein wahres zu Hause finden“. Soll heißen,
Form und Leerheit kommen auch nur vom Denken. Wenn du nicht
mehr denkst, dann erreichst du den Punkt, den Seung Sahn
„Don’t-Know Mind“ nennt. Hier gibt es keine Form und keine
Leerheit mehr.
Das
„wahre zu Hause“ ist eine andere Bezeichnung für unser
Selbst. Hör dir die CD an. Lerne dein Selbst kennen.
Du wirst sehr schnell merken, dass es nicht denkend unterscheidet.
Die Zahlen verändern sich ständig. Das Selbst
dagegen nie. Das bedeutet, die Realität des Selbst
ist stabil, die der Zahl nicht. Sie existiert immer nur
für kurze Zeit. Das wird während des Nachtschlafes
noch deutlicher. Im Traum ist alles Illusion. Wo bist du
im Traum? Auch dein Körper ist ja nur geträumt.
Das einzige Reale bist du selbst als Träumende oder
Träumer. Und das bist du mit deinem bewussten Selbst.
Wenn es dir nun gelingt, dich mit dem Selbst vollkommen
zu identifizieren, wirst du eins werden mit dem Baum. Dann
siehst du die Welt aus seiner Sicht. Das nennt man Erleuchtung.