Gehirn
- Computer
Stichwörter:
Gehirn, Computer, Bewusstsein, „Geist“, Nervenzelle, Blindsehen,
Denkarbeit, Schaltkreise, konnektionistische Modellsysteme,
neuronale Netzte.
Gehirn
und Computer werden gerne miteinander verglichen. Viele
Wissenschaftler gehen davon aus, dass in beiden Systemen
ganz ähnliche Prozesse ablaufen. Einige bestreiten
sogar grundsätzlich einen Unterschied, so dass ein
Computer prinzipiell die gleichen Leistungen wie das Gehirn
erbringen könnte. Dabei wird die Existenz eines Phänomens
wie Bewusstsein oder „Geist“ überhaupt in Frage gestellt.
Für schätzungsweise 99 % der Aktivitäten
des Gehirns wäre dies zumindest vorstellbar. Die einzelne
Nervenzelle funktioniert ja nach einem ganz einfachen Prinzip.
Sie kennt nur zwei mögliche Zustände, die sie
selbst nicht beeinflussen kann: aktiv oder nicht aktiv.
Mit Bewusstsein oder „Geist“ hat das noch nichts zu tun.
So läuft die auf der Seite „Bewusstsein-Gehirn“ beschriebene
Schmerzweiterleitung nach einer Verletzung am Fuß
zum größten Teil unbewusst ab. Erst nach 50 Millisekunden
erreicht sie das Gehirn, und erst dort kommt es dann zum
bewussten Schmerzerleben. Soviel wir über die Schmerzleitung
wissen, handelt es sich dabei um einen rein physikalisch-biologischen
Vorgang ohne Mitwirkung irgendeiner geistigen Kraft.
Dass ein Wahrnehmungsprozess auch ganz ohne Beteiligung
des Bewusstseins stattfinden kann, ist seit langem mit dem
auch im Buch erwähnten Phänomen des Blindsehens
bekannt. Es handelt sich dabei um eine krankhafte Störung
des Gehirns, bei der die Betroffenen auf Gegenstände
zielsicher zeigen können, ohne sie zu sehen. Das beweist,
dass der Mensch auch ohne bewusstes Wahrnehmen Objekte erkennen
kann. Da ein
Computer die
gleiche Fähigkeit besitzt, wenn er mit einer sich selbst
programmierenden Mustererkennungs-Software ausgestattet
ist, z. B. zur Erkennung von Gesichtern, könnte man
meinen, beim Gehirn auf die Voraussetzung eines „Geistes“
oder Bewusstseins ebenfalls verzichten zu können. Das
ist jedoch sehr fraglich. (Auf neuronale Netze wird später
noch eingegangen).
Wie
oben bereits erwähnt, laufen die weitaus meisten Aktivitäten
des Gehirns im Hintergrund ab, ohne dass wir von ihnen Kenntnis
bekommen. Das betrifft auch das Denken während des
Wachbewusstseins. Wenn ich mir eine einfache Rechenaufgabe
stelle, zum Beispiel: was ergibt sechs mal sieben, dann
erhalte ich die innere Antwort: zweiundvierzig. Das Bewusstsein
spielt aber nur bei der Eingangsfrage (Eingabe) und bei
der abschließenden Beantwortung (Ausgabe) aktiv mit.
Wie die Gehirnzellen dazwischen die Berechnung erledigen,
bleibt im Dunklen. Die eigentliche Denkarbeit geht eben
immer ohne Bewusstsein vonstatten. Nur so kann es passieren,
dass man abends mit einem ungeklärten Problem ins Bett
geht, und morgens ganz unerwartet mit seiner Lösung
aufwacht.
Wie
gezeigt wurde, kann das Gehirn für die Verarbeitung
einer ihm gestellten Aufgabe auf die Hilfe des Bewusstseins
verzichten, und rein theoretisch wäre allein für
diesen Zweck auch kein „Geist“ erforderlich. Die gleichen
Voraussetzungen würde auch ein Computer erfüllen.
Er wäre dem Gehirn aber nur in der Phase zwischen Eingabe
und Ausgabe ähnlich, aber nicht seiner Gesamtleistung,
die eben auch das bewusste Fragen und die bewusste Kenntnisnahme
der Antwort einschließt. Von dem Vergleich mit dem
Computer kann also ein Verzicht auf Bewusstsein nicht sicher
abgeleitet werden.
Rein
theoretisch wäre es möglich, einen menschlichen
Roboter herzustellen, der sich von außen gesehen nicht
von einem lebendigen Menschen unterscheidet. Er könnte
laufen wie ein Mensch, mit Hilfe von Sensoren die Umwelt
erkennen, sprechen, lachen und weinen wie ein Mensch. Er
würde blitzschnell alles berechnen, um so auf die Anforderungen
seiner Umgebung optimal zu reagieren, er wäre möglicherweise
intelligenter als jeder sterbliche Mensch. Im Überlebenskampf
des Daseins hätte er sogar die besseren Karten. Er
könnte alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche
Evolution erfüllen.
So
eine menschliche Maschine könnte man bauen. Einige
Vertreter der künstlichen Intelligenz nehmen dieses
als Argument für die Annahme, dass Bewusstsein für
das menschliche Gehirn prinzipiell verzichtbar wäre.
Dieses Beispiel kann aber auch als Gegenargument benutzt
werden: Wenn Bewusstsein eindeutig verzichtbar ist, welchen
Sinn hat es dann? Es brächte keinen Evolutionsvorteil.
In der Evolution kann sich auf Dauer nur das erhalten, was
zweckmäßig erscheint. Darauf basiert schließlich
die gesamte Evolutionstheorie. Nach dieser Argumentation
dürfte es gar kein Bewusstsein geben.
Wie
gesagt, einen perfekten menschlichen Roboter könnte
man bauen (wie der Terminator im Kino). Wie sollte man ihm
aber Bewusstsein einpflanzen? Wie sollte man es anstellen,
dass er ein „inneres Bild“ sieht, dass er einen Ton auch
hört und ein Gefühl fühlt? Das dürfte
unmöglich sein. Und selbst wenn es gelänge. Wie
will ich feststellen, ob ein Roboter fühlt und sieht?
Ich kann auch nur vermuten, dass ein anderer Mensch ebenso
fühlt und sieht wie ich, weil ich von meiner eigenen
Erfahrung ausgehe und annehme, dass es bei allen anderen
Menschen ebenso ist. Das „innere Bild“, der Ton, den ich
höre, sind subjektive Erfahrungen, die von außen
nicht beweisbar sind.
Ein
anderer Erklärungsansatz für Bewusstsein geht
davon aus, dass das Gehirn lediglich ein System von Schaltkreisen
ist. Diese sollen im Laufe der Evolution durch Selbstorganisation
an Komplexität zugenommen haben, so dass schließlich
Bewusstsein entstand. Zum Beweis, dass dies prinzipiell
möglich ist, werden konnektionistische Modellsysteme
wie die schon zuvor genannten neuronalen Netze angeführt.
Dieses Erklärungsmodell ist aus mehreren Gründen
problematisch.
Als
Erstes stellt sich das erkenntnistheoretische Problem, wie
man ein ungeklärtes Phänomen (das Bewusstsein
des Gehirns) mit einem anderen Phänomen (Schaltkreis)
erklären will, das die infrage kommenden Eigenschaften
selbst gar nicht besitzt. Schließlich ist bislang
kein Schaltkreis bekannt, z. B. eine automatische Toröffnung
oder eine Produktionsstraße, dem man Bewusstheit oder
„Geist“ zuschreiben könnte.
Zum
Zweiten darf nicht übersehen werden, dass der Schaltkreis
vom menschlichen Gehirn erfunden wurde. Das Gehirn liefert
somit den Bauplan für den Schaltkreis. Ein Bauplan
kann zwar die nach ihm konstruierte Maschine erklären,
die Maschine aber nicht umgekehrt den Bauplan.
Drittens
bleibt diese Argumentation die Antwort schuldig, wie allein
durch Vernetzung von Nervenfasern, die ja ihrerseits weder
„Geist“, noch Bewusstsein, noch einen Willen besitzen, diese
Phänomene entstehen sollen. Der Verweis auf funktionierende
konnektionistische Modelle wie neuronale Netze ist unzureichend.
Die elementaren Teile dieser Netze kommunizieren zwar untereinander
ähnlich wie das Gehirn über Signale und Verbindungen.
Die Gewichtungen der Eingaben und die Festlegung ihrer Schwellenwerte
werden aber nicht von ihnen selbst, sondern von außen,
von dem Benutzer vorgenommen. Im Falle des Gehirns müsste
diese Aufgabe einer äußeren schöpferischen
Kraft zukommen, die aber gerade mit dieser Argumentation
ausgeschlossen werden soll.
Viertens
ist bekannt, dass konnektionistische Modellsysteme Nachbildungen
von existierenden Vorbildern sind. Den neuronalen Netzten
diente das Gehirn als Vorlage. Hier gilt wieder die bereits
oben getroffene Feststellung: Eine Nachbildung kann nicht
das Vorbild erklären. Wenn man davon mal absieht, so
ist noch auf das Grundprinzip von konnektionistischen Modellen
hinzuweisen. Gemäß ihrer Zielsetzung müssen
sie sich unter den gleichen Bedingungen genauso verhalten
wie ihr Vorbild. Auf die gleichen Eingaben sollen sie mit
den gleichen Ausgaben reagieren (Verhaltensisomorphie).
Daraus ist aber keineswegs zu schließen, dass beide
Systeme identisch sind (keine Systemisomorphie). Beispiel:
Um einen verschütteten Menschen aufzufinden, kann sowohl
eine Infrarotkamera als auch ein Suchhund eingesetzt werden.
Beide finden den Verschütteten. Eingab und Ausgabe
stimmen überein. Hund und Infrarotkamera sind jedoch
völlig unterschiedliche „Systeme“. Konnektionistische
Systeme könne also die eigentliche Arbeitsweise des
Gehirns gar nicht erklären. Damit sind sie ungeeignet,
um etwas über das Phänomen Bewusstsein auszusagen.
Zuletzt
noch ein kurzer apparativer Vergleich von Computer und Gehirn.
Jeder, der schon einmal mit einem Computer gearbeitet hat,
kennt die notwendigen Grundelemente: eine Tastatur zur Dateneingabe,
ein Bildschirm und der Rechner selbst. Dieser besteht wiederum
aus mehreren Komponenten, im Wesentlichen der Festplatte,
dem Arbeitsspeicher und dem Prozessor mit seinem Taktgeber.
Alle Einzelkomponenten stellen physikalisch völlig
unterschiedliche Systeme dar. Im Gegensatz dazu überrascht
das Gehirn durch seine relative Gleichförmigkeit. Zwar
besteht die Hirnrinde aus verschiedenen Zelltypen, die Schichtung
selbst ist jedoch über allen Regionen des Großhirns
gleich. Darüber hinaus funktionieren alle Nervenzellen,
auch die in den tiefer gelegenen Regionen, nach dem selben
Prinzip. Wie schon eingangs beschrieben, können sie
sich nur in einem aktiven oder inaktiven Zustand befinden.
Darin sind sie der Datenverarbeitung des Computers sehr
ähnlich, der ebenfalls nur zwei Zustände kennt:
plus oder minus, 0 oder 1. Während es jedoch beim Computer
eine Arbeitsverteilung auf strukturell ganz unterschiedliche
Komponenten gibt, scheint das Gehirn alles zugleich zu sein:
Tastatur, Monitor, Festplatte, Prozessor und Arbeitsspeicher
in Einem. Wie das Gehirn trotzdem so hochkomplexe Aufgaben
bewältigt, wird wohl noch für lange Zeit sein
Geheimnis bleiben.